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Anti-Zensur und die Theorie der süßen Katzen

August 9, 2011

Mitte Juli 2011 kündigte der Informatiker J. Alex Halderman den Start des Anti-Zensur-Systems Telex an. Gestern wurde das junge Projekt von allen vier Mitgründern und Forschern auf dem Usenix Security Symposium in San Francisco vorgestellt.

Ziel des Projektes ist, staatliche Zensur im Internet zu umgehen oder auszuhebeln. Internetzensur findet heutzutage nicht nur in totalitären Regimen, sondern auch zunehmend in Europa statt. Auf der Seite der Open Net Initiative, einem Zusammenschluss von Forschern der Universitäten von Oxford, Cambridge, Toronto und der Harvard Law School zusammensetzt, bekommt man einen ganz guten Einblick in weltweite Zensurmaßnahmen.

Wie Telex nun funktioniert, lässt sich sehr schön an einem Vortrag von Ethan Zuckerman, Forscher am Berkman Center for Internet and Society und Global Voices-Mitgründer, erläutern, der schon ein paar Jahre her ist:

Zuckerman erklärt hier, wie zum Beispiel die iranische Regierung seit einigen Jahren dabei ist, das Internet zu zensieren, zu überwachen und zu kontrollieren.  Die meisten Leute nutzen das Netz aber lediglich für harmlose Aktivitäten und möchten sich beispielsweise einfach süße Katzenbilder anschauen. Sogar die eher sarkastischen Nutzer, die komische Titel mit lauter Rechtschreibfehlern in die Bilder bauen, scheinen diesem Aspekt des Internets verfallen zu sein.

kittencensor

Daher ist es für Zensoren ein wenig problematisch, einfach mal nicht-kontroverse  Seiten und Dienste wie Twitter oder Blogger komplett zu sperren. Süße Katzen wären bei einer Zensur von sozialen Medientools Opfer des Kollateralschadens. Das bringt dann nicht nur Phänomene wie den Streisand-Effekt hervor, sondern hätte weiterhin zur Folge, dass sogar eher indifferente Nutzer politisiert werden, denen der Katzeninhalt gesperrt wurde.

Das Telex-System kann also als technische Umsetzung Zuckerman’s “Theorie der süßen Katzen” erklärt werden. Es erlaubt dem Nutzer, Internetzensur zu umgehen, indem an einer beliebigen nichtzensierten Internetseite ‚angeklopft‘ wird. Harmlose Seiten und Plattformen können so für politische Ziele genutzt werden.

telex-prototype_800

Auf der offiziellen Webseite wird genauer beschrieben, was Telex von anderen Anti-Zensur-Ansätzen unterscheidet:  

  • Telex funktioniert in der Netzinfrastruktur – bei jedem Internetdienstanbieter zwischen dem Netzwerk der Zensoren und den unzensierten Teilen des Internets. Dieser Ansatz wird von den Telex-Entwicklern “End-to-Middle”-Proxying genannt und schützt das System vor Gegenmaßnahmen.
  • Telex konzentriert sich darauf, vom Zensor nicht entdeckt zu werden. Dies bedeutet, dass der Nutzer Zensur umgehen kann, ohne den Zensor dabei zu alarmieren. Es ergänzt anonymisierende Dienste, wie zum Beispiel Tor, ohne sie zu ersetzen.
  • Telex nutzt eine Art Deep Packet Inspection. Diese Technologie wird bereits von einigen Ländern genutzt, um das Web zu zensieren und zu kontrollieren. Telex funktioniert sie in ein Anti-Zensur-System um. 
  • Andere Anti-Zensur-Systeme setzen die Weitergabe von geheimen Daten, wie z.B. kryptografische Schlüsseln oder IP-Adressen, an individuelle Nutzer voraus. Sobald der Zensor sie entdeckt, kann das System gesperrt werden.
  • Telex kann auf staatlicher Ebene eine Antwort auf staatliche Zensurmaßnahmen liefern. Die Telex-Entwickler stellen sich vor, dass freundlich gesinnte Länder Anreize für Internetdienstanbieter schaffen, um Telex einzusetzen.

Forschungsbericht Telex: Anticencorship in the Network Infrastructure (pdf)

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